Blaue Ozeane

Wissen Sie, wie viele Rechtsanwälte derzeit zugelassen sind? Und wie viele Bewohner auf jeden dieser 160.000 Anwälte kommt? Rechnen Sie es nicht aus, das Ergebnis ist zum Heulen. Das Einzige, was bei Rechtsanwälten in den letzten Jahren in diesem Zusammenhang stetig zurück gegangen ist, ist der Pro-Kopf-Umsatz.

Blaue Ozeane

Sie sind Steuerberater und freuen sich, das das alles Sie nicht betrifft? Warten Sie ab – die Anzahl der Steuerberater geht auch in Richtung 100.000. Wir sprechen uns dann in ein paar Jahren wieder. Spätestens.

Schön und gut. Aber was hat das mit einem blauen Ozean zu tun? Auf den ersten Blick zunächst einmal nichts. Oder vielleicht doch?

„Blue Ocean Strategy“ – unter diesem Begriff entwickelten zwei Wirtschaftswissenschaftler, W. Chan Kim und Renée Mauborgne, an der französischen INSEAD Business Scholl eine strategische Managementmethode zur Entwicklung neuer, dauerhaft profitabler Geschäftsmodelle. Hierbei benutzten sie das Bild der blauen und der roten Ozeane.

Als Red Oceans, als rote Ozeane, beschreiben sie gesättigte Märkte mit harter Konkurrenz durch eine Vielzahl von Mitbewerbern („Raubfischen“), die alle vergleichbare Produkte und austauschbaren Service anbieten. Demgegenüber stehen die Blue Oceans, die blauen Ozeane, also die unberührten Märkte, die noch frei sind von den blutigen Konkurrentenkämpfen der konkurrierenden Raubfische.

Will sagen: Suchen Sie nach innovativen, neuen Märkten, die ihren (potentiellen) Mandanten einen Nutzen bieten, den sie heute in dieser Form noch nicht finden. Weichen Sie also dem bestehenden harten Wettbewerb aus, indem sie einen neuen Markt finden und sich und Ihrer Dienstleistung hierdurch einen neuen Markt erschließen.

Erfreulicher Nebeneffekt ist dabei zumeist, dass der Wettbewerb nicht mehr über die Kosten entschieden wird, denn Sie werden nicht beauftragt, weil Sie günstig sind (oder sich umsonst mit der Rechtsschutzversicherung herumschlagen), sondern weil Sie dem Mandanten einen Nutzen bieten, den er sonst nicht findet.

Beispiele für diese Blue-Ocean-Strategy finden sich in den letzten Jahren zur Genüge: Der Markt für Mobiltelefonie schien gesättigt – bis Apple mit dem iPhone ein ganz neues Benutzererlebnis versprach. Die Absatzzahlen für Computer und Notebooks stagnierten seit Jahren – bis das Apple das Ganze in Tablet-Form brachte, so dass es auch abends bequem auf der Couch vor dem Fernseher benutzbar war. Der Markt für Kosmetikprodukte war unter den althergebrachten Herstellern und Handelsketten aufgeteilt – bis The Body Shop mit seinem Fokus auf natürliche Inhaltsstoffe und ethische Belange einen neuen Kundenkreis erschloss.

Und genau diese neuen Märkte gilt es auch im Anwaltsmarkt zu finden. Denken Sie also nicht nur in den hergebrachten Schienen. Überlegen Sie, was Sie potentiellen Mandanten jenseits der üblichen Wege noch bieten können.

Sie haben besondere Kenntnisse in einer bestimmten Branche? Dann suchen Sie die Brücke zwischen diesen Kenntnissen und ihren juristischen Fähigkeiten. Viele, auch kleine Unternehmen, wären froh, einen anwaltlichen Berater zu finden, der ihr Handwerk versteht, der von sich aus vor branchenüblichen Gefahren warnt und proaktiv Lösungen aufzeigt und dem sie nicht jedesmal alles so erklären müssen, dass es auch wir Juristen verstehen.

Oder: Standardprozedur für Unternehmensgründer ist mittlerweile der Gang zum Unternehmensberater, der ihnen beim Businessplan hilft, sie bei Bankgesprächen begleitet und … und … und … Warum gibt es eigentlich so wenige Rechtsanwälte, die ihren wirtschaftlichen Sachverstand aktivieren und diese betriebswirtschaftliche Beratung mit ihrem juristischen Sachverstand zu einer Beratung aus einer Hand kombinieren – und damit allemal umfassender beraten können als viele Unternehmensberater? Oder die mit einem Steuerberater zusammen diese umfassende Gründungsberatung – von der Betriebswirtschaft über die Steuern bis zur rechtlichen Beratung und Erstellung der erforderlichen Verträge und Vertragsmuster – als gemeinsames Gründungspaket vermarkten?

Oder … Oder … Oder …
So viele Ideen. Es muss nur einen geben, der sie findet. Aber hierfür muss man zunächst einmal suchen.