Sozialkognitives Lernen – und der Mandantenkontakt

10. August 2015 | Im Blickpunkt
Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

Ein Lernprozess verläuft typischerweise in vier Prozessen: Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse in der Aneignungsphase sowie Reproduktions- und Motivationsprozesse in der anschließenden Ausführungsphase.

Sehen wir zunächst auf die Prozesse der Aneignungsphase: Wir lernen durch Beobachten, insbesondere durch das Beobachten des Verhaltens von Vorbildern, von „Modellen“, indem wir uns aus der Masse an Informationen, die uns diese Verhaltensbeobachtungen liefern, wählen wir die Bestandteile aus, die uns wichtig erscheinen. Wie viel Aufmerksamkeit wir dabei einem Modell entgegenbringen, ist – außer von den gegebenen Situationsbedingungen und den bestehenden emotionalen Befindlichkeiten – unter anderen von den Persönlichkeitsmerkmalen des Modells, aber auch von der Beziehung zwischen dem Beobachter und dem Modell und den gegebenen Situationsbedingungen abhängig: Wir beobachten besonders gerne andere Menschen mit sozialer Macht, Personen mit hohem Ansehen, sympathische Menschen und Menschen, von denen wir uns eine Befriedigung unserer Lernbedürfnisse versprechen. Und wir beobachten lieber Personen, zu denen eine positive emotionale Beziehung besteht.

Anschließend an oder auch parallel zu diesen Aufmerksamkeitsprozess läuft der Gedächtnisprozess, in dem wir das Beobachtete in – später reaktivierbare – Gedächtnisstrukturen umformen, neue Handlungsschemata anlegen und bestehende Handlungsschemata erweitern und assimilieren.

Ob wir in der Ausführungsphase dann das Beobachtete verinnerlichen und reproduzieren, wird unter anderem durch Verstärkungs- und Motivationsprozesse gesteuert. Ob wir ein ein bestimmtes Verhalten beachten, hängt von unserer Motivation ab. Unsere Motivation ist aber sowohl in der Aneignungs- wie in der Ausführungsphase beeinflussbar. Eigene Aktivitäten entfalten wir regelmäßig nur dann, wenn wir uns vom Beobachten und Durchführen einen Erfolg – die Erlangung eines Vorteils oder die Abwendung eines Nachteils – versprechen. Diese Motivation ist daher eng mit Bekräftigungen und Bestätigungen verbunden: Selbstverstärker und auch externe Verstärker – insbesondere auch Verstärkungen durch das beobachtete Modell selbst.

Warum wir Ihnen das erzählen? Wechseln Sie einmal die Perspektive: Verstehen Sie sich einmal nicht als Beobachter, sondern als Modell. Mit Ihrem Mandanten als Beobachter. Und gehen Sie dann im Geiste einmal Ihre typischen Mandantengespräche durch…

Ein Weiteres: Entscheidend dafür, ob wir das Verhalten eines von uns beobachteten Modells nachahmen, sind insbesondere auch die Erwartungen, die wir als Beobachter haben.

Da ist zunächst die Ergebniserwartung: Wir rezipieren das Verhalten eines Modells, wenn wir uns davon angenehme Konsequenzen (oder die Vermeidung unangenehmer Konsequenzen) versprechen. Erwartete Verhaltenskonsequenzen werden so unmittelbar zu einem Anreiz für unser Verhalten. Wir orientieren unser Verhalten also weniger an den Ergebnissen unserer aktiven Handlungsvollzüge denn an unseren vorhergehenden Vorstellungen. Wir wollen keine ständigen Bedenken, sondern Lösungen.

Und schließlich die Kompetenzerwartung: Wir setzen nur um, was wir uns auch tatsächlich zutrauen. Als Beobachter nehmen wir ständig eine subjektive Einschätzung unserer Fähigkeiten vor, die wir zur Umsetzung des beim Modell Beobachteten benötigen. Wie hoch oder niedrig die subjektiv als erforderlich empfundene Kompetenzerwartung ist, hängt wiederum auch von unserer Beobachtung des Modells ab.

 

 

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