Der Kanzlei-Maslow

Lassen Sie uns heute über Motive reden. Nicht über die Motive, über die die Zivilrechtler immer irren. Und auch nicht über die niederen Beweggründe der Strafrechtler. Sonder die jeden Menschen leitenden Motive, seine auf bestimmte Ziele ausgerichteten Gefühle.

Der Kanzlei-Maslow

Bei den Motiven haben wir allerdings ein Problem: Motive sind nicht beobachtbar. Und doch stellen Motive einen wesentlichen Antrieb jeden Handelns dar. Motive sind noch keine Handlungsentscheidung. Aber aus Motiven entsteht oftmals erst der Handlungsanreiz.

Und weil aus Motiven Handlungsanreize erwachsen, erwecken sie unser Interesse, suchen wir Antworten auf die Frage, was Motivation überhaupt ist und wie sich eine erwünschte Motivation steigern lässt. Aber Motive lassen sich nur schwer systematisieren und so steht am Beginn einer jeden Motivationstheorie zunächst die Frage nach dem zugrunde liegenden Menschenbild. Dieser Diskussion über Motivationstheorien wollen wir hier ausweichen. Daher lesen Sie hier nichts von Hedonismus, von Homöostase, Kognitivismus. Statt dessen stürzen wir uns auf eine Theorie, die nicht zuletzt wegen ihres prägnant einfachen Pyramidenaufbaus die wohl meist zitierte Motivtheorie darstellt. Sie ahnen es schon: die Rede ist von der Maslow’schen Bedürfnispyramide.

Maslowsche BedürfnispyramideAbraham Maslow, ein Bostoner Psychologe, nahm für seine Motivtheorie Anleihen beim Existentialismus und entwickelte hieraus eine phänomenologische Bedürfnishierarchie, bei der die menschlichen Bedürfnisse in fünf Ebenen gegliedert werden, wobei Bedürfnisse einer höheren Ebene erst dann befriedigt werden, wenn die Bedürfnisse der nächst niedrigeren Ebene befriedigt sind.

Maslow geht davon aus, dass es zwischen den „höheren“ und den „niederen“ Bedürfnissen reale psychologische und funktionale Unterschiede gibt. So beschreiben die unteren Stufen Defizitbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit Zufriedenheit entstehen kann. Erst wenn diese Defizitbedürfnisse sicher befriedigt sind und sich damit auf physischer Ebene Zufriedenheit eingestellt hat, treten die höheren Bedürfnisse, die „Wachstumsbedürfnisse“, die vorher subjektiv weniger dringend waren, in den Vordergrund, und führt ihre zusätzliche Erfüllung zu einem über die Zufriedenheit hinausführenden Glück.

Natürlich ist das Stufenmodell dieser Bedürfnispyramide stark simplifizierend und reduktionistisch. Und natürlich ist auch die unterstellte Linearität der Bedürfnisebenen nicht strikt haltbar. Aber nicht desto trotz beschreibt es menschliche Bedürfnisse nachvollziehbar.

Und was hat das jetzt mit meiner Arbeit zu tun? Vielleicht mehr als Sie denken.

Jedenfalls dann, wenn es Ihren Blick dafür schärft, auf welcher Ebene die Probleme Ihres Mandanten angesiedelt sind.

Wenn Sie verstehen, dass ein eine Mandantin, die von Ihrem Ehemann verlassen wurde und nach x Jahren Kindererziehung ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Perspektive dasteht, anders behandelt werden muss, als die auf eigenen wirtschaftlichen Beinen stehende, selbst berufstätige Ehefrau, die es ihrem untreuen Ehemann nun einfach einmal zeigen will.

Dass ein 70jähriger Mandant, der mit einem Bescheid über Straßenausbaugebühren für sein kleines Eigenheim zu ihnen kommt, weil er den festgesetzten Beitrag aus seiner Rente nie und nimmer zahlen kann, anders behandelt werden muss als das gut situierte Doppelverdiener-Ehepaar, dass sein Geld einfach nur nicht mit der Gemeinde teilen will.

Zugegeben: zwei holzschnittartige Beispiele. Aber nähere und bessere Differenzierungen werden Ihnen bestimmt selbst einfallen, wenn Sie einmal Ihre aktuellen Mandanten betrachten.

Und wenn Sie es schaffen, ihre Mandanten in einer ihrer jeweiligen Bedürfnisebene entsprechenden Weise zu behandeln werden nachher alle mit Ihnen zufrieden sein.